Wie man "besser" lernt - alte und neue Erkenntnisse

Jeweils zum Schuljahresbeginn findet man sie wieder, die Tipps und Tricks zur gelungenen Einschulung, zum Umgang mit von der Schule gefrusteten Kindern und zum erfolgreichen Lernen. Natürlich habe ich als stolze Mutter einer stolzen Erstklässlerin und als Lehrerin ein doppeltes Interesse an solchen Texten und bin in diesem Zusammenhang auf das Interview mit Prof. Stern gestossen, welches mir nicht gerade neue Welten eröffnet, aber doch den einen oder anderen Denkanstoss gegeben hat:

Wie lernt man Vokabeln einer Fremdsprache am schnellsten? Ich erinnere mich gerne an ein Referat an unserer Schule, in dem uns ein älterer Herr davon zu überzeugen versuchte, dass nur das “dausendfache Widrhole” (ich glaube, es war Baslerdeutsch) zum Ziel führt. Stern meint, dass es viel effizienter sei, wenn man Vokabeln in einem Kontext lerne, d.h. in einem Umfeld von anderen Vokabeln, zumal man sie dann in der Realität auch nur in einem Kontext (und nicht isoliert) brauche. Das leuchtet ein, ist in der Realität aber zumindest zu Beginn sicher deutlich anstregender als Auswendiglernen.

Soll man kurz vor der Prüfung lernen oder schon drei Wochen vorher? Wir wissen es alle, und doch kann man es den Schülern nicht genug oft sagen: es bringt tatsächlich mehr, wenn man jeden Tag eine halbe Stunde übt, als wenn man es am Abend vor dem Test macht (und dann noch zu spät ins Bett geht deswegen). Ich weiss aber auch, dass mir das während meiner Schulzeit auch das eine oder andere Mal ans Herz gelegt wurde und ich mich damals wohl nicht einmal von einer Professorin der ETHZ zu einer Verhaltensänderung hätte motivieren lassen.

Lernt man besser, wenn man dabei Musik hört? Leider nein. Vor allem nicht, wenn man mit einem Stoff noch Mühe hat. Weshalb dürfen es meine Lernenden dann trotzdem manchmal tun? Ich denke, ich muss pragmatisch sein: wenn ich eine lebhafte Klasse durch Zustöpseln eine halbe Stunde dazu bringe, die Kollegen nicht abzulenken, ist das manchmal schon ein rechter Gewinn.

Stimmt es, dass es verschiedene Lerntypen gibt? Ich zitiere: “Von Lerntypen zu reden, ist das gleiche Niveau wie Astrologie zu betreiben und wie wenn der Lehrer sagen würde: Das kann der jetzt nicht lernen, weil der Sternzeichen Löwe ist.” Wunderbar. Dann kann ich ja von jetzt an ohne schlechtes Gewissen meine rudimentären PPPs weglassen! Vor allem die, auf denen eh nur steht, was ich gleichzeitig noch sage - das ist ja sowieso ein bisschen verpönt.

Kann man Blackouts bei einer Prüfung verhindern? Laut Stern entstehen Blackouts dann, wenn jemand zu viel von sich verlange. In einem ersten Schritt müsste man also die Erwartungen runterschrauben, in einem zweiten Schritt, wenn es häufiger vorkommt, solle man Unterstützung bei einem Profi holen.

Was bedeutet “Schreiben nach Gehör” für den Lernprozess? Das ist für mich die Gretchenfrage. Die Idee dahinter, nicht zu korrigieren, um Frust zu vermeiden, scheint eine lautere Absicht zu sein. Offensichtlich prägen sich dann aber diese “falschen” Schreibweisen ein, und dass es viel aufwändiger ist, das dann später wieder zu korrigieren, ist klar. Stern ist nicht die einzige, die dieses Vorgehen als Bildungskatastrophe bezeichnet. Was soll ich also tun, wenn meine Tochter mit den ersten solchen Hefteinträgen nach Hause kommt? Und soll ich froh sein, wenn ich mich dank Lehrplan21 gar nicht mehr damit beschäftigen muss, oder macht es das alles noch schlimmer? Ich weiss es nicht.

Ich bin gespannt, was davon nächstes Jahr von den Experten bestätigt wird, und was komplett über den Haufen geworfen wird. Und natürlich gibt es auch etwas zur Digitalisierung zu sagen: noch besser wäre es laut Stern gewesen, ich hätte diesen Text von Hand verfasst, dann wären mir die Inhalte nämlich auch noch motorisch abgespeichert worden. Immerhin trifft es bei mir nicht zu, dass ich dann mehr Zeit gebraucht hätte (offensichtlich ein weiterer Vorteil). Vielleicht sollte ich das Zehnfingersystem doch nicht mehr lernen.


Hier findet sich das ganze Interview: Pastega, Nadja (2019): So lernt man besser büffeln. In: Sonntagszeitung, 01.09.2019, S. 18f.

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